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  • Patrick

Vor 60 Jahren: Das Lawinenunglück am 10. Februar 1961 in Lenzerheide

Am 10 Februar 1961 riss auf der Lenzerheide ein Schneebrett eine Glarner Schulklasse mit. Zehn junge Menschen starben. Vier überlebten, der Rest der 19-köpfigen Gruppe konnte sich in Sicherheit bringen. Nichts war mehr wie zuvor.



Noch heute wird jedem weh ums Herz, der sich an die stille Heimkehr erinnert. An die Särge, die in einem Gepäckwagen eines fahrplanmässigen Zuges transportiert wurden. Dem Trauerzug zur Kirche wohnten Tausende bei. Vor den Särgen schritten die überlebenden Schülerinnen und Schüler. Das Bild erschien schweizweit in den Medien – die Angehörigen haben die Seiten mit den erschütternden Fotos aufbewahrt. Jeden Jahrestag werden sie an den grossen Verlust vom 10. Februar 1961 erinnert und bei vielen anderen Gelegenheiten auch. Das Unglück hat das Leben der betroffenen Familien total verändert. Das Geschehene ist unterschwellig heute noch präsent. Das zeigen Gespräche mit fast 20 Angehörigen und Überlebenden.


«Das grösste Unglück, dass je passiert ist»


«Das Lawinenunglück vom 10. Februar 1961 im Gebiet der Lenzerheide ist das grösste, das einer Touristengruppe in unseren Alpen je zugestossen ist. Dass es sich dabei um ein organisiertes Schulskilager handelte, Kinder betraf, die wie Zehntausende ihresgleichen jährlich ihre Familie frohgemut verlassen, um in den winterlichen Bergen Freude und Erholung zu finden, liess dieses tragische Geschehen mehr denn jeder andere Fall ins ganze Volk eindringen. Jede Mutter, jeder Vater eines schulpflichtigen Kindes sah sich in die Möglichkeit versetzt, eines Tages unter ähnlichen Umständen um ein verunglücktes Kind trauern zu müssen.» (Winterbericht des Eidgenössischen Institutes für Schnee- und Lawinenforschung 1960/61)


Ein starker Sturm wütet in der Nacht


Seit Sonntag, 5. Februar 1961, befinden sich 13 Mädchen und 14 Knaben der Kantonsschule Glarus im Skihaus Raschianas oberhalb der Lenzerheide im Skilager. Geleitet wird das Lager von Erna Brandenberger, Inhaberin des Schweizer Skiinstruktoren-Brevets. Täglich unternehmen die Schüler kleinere Skitouren im zum Teil bewaldeten Gebiet gegen den Crap la Pala. Am Freitag, dem letzten Lagertag, wird dieselbe Route eingeschlagen wie am Tag zuvor. Über Nacht hat allerdings ein ausserordentlich starker Weststurm zu grossen Verwehungen und damit zu einer Verschärfung der Lawinensituation geführt.


Keine Strafuntersuchung


Diese Entwicklung sei von der Lagerleiterin nicht erkannt worden, heisst es im Winterbericht des erwähnten Lawinenforschungsinstituts. «Doch es bleiben noch viele ungelöste Probleme offen. Vor allem ist nie etwas in der Richtung getan worden, die häufig diskutierte Schuldfrage von massgeblicher Seite und offiziell zu beantworten. An dieser Frage schieden sich die Geister, oftmals in ein und derselben Familie. Jedermann erwartete eine richterliche Beurteilung des Geschehens und damit ein offenes Abwägen der vielfach extremen Ansichten. Doch die Staatsanwaltschaft des Kantons Graubünden sah im Verhalten der verantwortlichen Lagerleiterin kein Verschulden und lehnte daher die Eröffnung einer Strafuntersuchung ab. Dieser Entscheid war überraschend und er ist grundsätzlich zu bedauern. In Bezug auf die Voruntersuchung möchten wir lediglich die Tatsache festhalten, dass kein Fachmann als Lawinenexperte zugezogen wurde.»




Nach drei Stunden lebend geborgen


Auf der flachen Ostschulter werden die Felle weggenommen. Mit der ersten Gruppe, den besseren Fahrern, fährt der Hilfsleiter Hans Jenny in einer Linkstraverse in den ihm bekannten Porclas-Hang ein. Mit etwa hundert Meter Abstand folgt Erna Brandenberger mit der zweiten Gruppe. Was dann geschieht, hat der damalige Schüler Kurt Brunner festgehalten (siehe folgende Seite). Er selber entkommt der Katastrophe knapp und holt zusammen mit dem späteren Fussballstar Fritz Künzli Hilfe. Das Unglück ereignet sich um 12.15 Uhr. Mit primitivsten Mitteln, mit abgebrochenen Skispitzen und den Händen können zuerst Rosmarie Dürst und dann Ernst Nägeli gerettet werden. Der Vater der Leiterin, dessen Oberkörper frei geblieben ist, kann sich selber befreien. Urs Bachofen kann nach drei Stunden noch lebend geborgen werden – mit Hilfe eines Lawinenhundes, der ihn unter einer festgepressten Schneeschicht von eineinhalb Metern Mächtigkeit aufspürte.


Am Samstag wird als letztes ein Mädchen tot geborgen


Vorerst ist das Ausmass der Katastrophe noch nicht zu erkennen. Drei Viertelstunden nach dem Niedergang der Lawine sind die ersten paar Skilehrer zur Stelle. Sie benützen den Skilift und nähern sich von oben her der Unglücksstätte. Dann folgen in kurzen Abständen 30 bis 40 Skilehrer und andere Helfer, unter ihnen Ärzte sowie Führer mit Lawinenhunden. Das Absuchen des Lawinenkegels wird systematisch an die Hand genommen. Sofort wird auch die Schweizerische Rettungsflugwacht angefordert. Mit Helikoptern und Piper-Flugzeugen wird wichtiges Rettungsmaterial am Unfallort abgesetzt. Die Rettungsmannschaften und beigezogenen Militäreinheiten arbeiten die ganze Nacht im Scheinwerferlicht. Sie ziehen tiefe Gräben durch den Lawinenkegel und suchen mit Sondierstangen nach den Opfern. Am Samstag um zwölf Uhr wird auch noch das letzte vermisste Mädchen tot aufgefunden. Es wird ins Glarnerland transportiert und sein Sarg trifft gerade ein, als der Trauerzug die Kirche erreicht.



«Ich habe ein neues Leben bekommen»


Heute lebt Urs Bachofen in Schwändi und Australien. Bei der Lawine vom 10. Februar 1961 in Lenzerheide war er der Einzige der elf komplett Verschütteten, der gerettet werden konnte. Drei Stunden lag er im Schnee begraben.


Es hatte die ganze Woche sehr viel geschneit. Die ewigen Spiele in der Unterkunft hingen uns langsam zum Hals heraus. Deshalb waren wir eigentlich ganz froh, als am Unglückstag der Entscheid fiel, endlich auf eine Skiwanderung zu gehen. Also zogen wir los, natürlich mit den Lehrern und Leitern. Die Behörden hatten eine Warnung herausgegeben. Man müsse sehr vorsichtig sein, die Lawinengefahr sei sehr hoch. Beim Aufstieg fielen mir immer wieder Geräusche auf, die ich nicht kannte. Es klang wie «wumm». Manchmal sind wir dabei etwas zurückgerutscht. Heute weiss ich natürlich, dass dies auf eine sehr hohe Gefahrenstufe deutet.


Wir winkten uns gegenseitig zu


Nach einer Rast machten wir uns für die Abfahrt bereit. Nicht alle waren geübte Skifahrer. Zu den weniger Erfahrenen gehörte auch ich. Wir mussten oben in einen Hang quer einfahren, drehen und dann wieder aus dem Hang hinausfahren. Den Ungeübten wurde empfohlen, eine Spitzkehre zu machen. Weil das gar nicht so einfach war, bildete sich beim Wendepunkt ein Stau. Gerade als ich an diesem Punkt ankam, gab es einen gewaltigen Knall und einen heftigen Ruck. Wir sassen alle plötzlich im Schnee und der ganze Hang setzte sich in Bewegung, soweit man sehen konnte. Das «Aberiite» auf dem Schnee fanden wir ganz lustig. Der Gefahr, in der wir uns befanden, waren wir uns gar nicht bewusst. Wir winkten uns noch gegenseitig zu. Der Spass hörte allerdings schnell auf. Was zuerst wie eine Fläche aussah, die den Hang hinunterrutschte, entwickelte sich schnell zu Wellen, die immer bedrohlichere Ausmasse annahmen.


Aufschlag kam mit voller Wucht


Es gelang mir, meine Füsse mit den Skiern in die Fallrichtung zu drehen, um wenigstens zu sehen, was auf mich zukam. Ich sah die anderen Kameraden mit den riesigen Schneewellen kämpfen und Bäume, die in unheimlichem Tempo an mir vorbeiflitzten und sich rückwärts bogen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eine der Tannen auch mich erwischte. Der Aufschlag kam mit voller Wucht. Er war so stark, dass ich sofort das Bewusstsein verlor. Die Kräfte, die da wirken, sind unvorstellbar. Von meinem Ski, den man später fand, brach ein rund zehn Zentimeter langes Stück samt den Stahlkanten ab. Den Rucksack und die Schuhe hat man nie mehr gefunden. Vielleicht war die Tanne meine Rettung. Mit ihr zusammen bin ich tief in einem Talkessel eingegraben worden. Durch die Hohlräume, die sich nicht mit Schnee gefüllt hatten, wurde ich wenigstens mit etwas Sauerstoff versorgt. Sonst hätte ich sicher nicht überlebt. Ich erwachte aus der Bewusstlosigkeit, weil mein ganzer Körper schmerzte. Und die Schmerzen nahmen zu.


Wie in eine Passform gegossen


Ich lag wie in eine Passform gegossen im Schnee und konnte nicht feststellen, ob ich auf dem Bauch, auf der Seite oder auf dem Rücken lag. Auch dass ich mich einige Meter tief unter der Oberfläche befand, war mir nicht klar. Es war sehr kalt und unmöglich, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Der Schnee war hart wie Beton. Und noch schlimmer: Diese «Passform» rund um mich herum wurde immer enger. Der Druck auf den Körper nahm zu. Erneut verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, hatte sich wenigstens der Schnee beruhigt. Er bewegte sich nicht mehr. Es war absolut dunkel und im Gegensatz zum riesigen Lärm davor unheimlich still.


Ja, man gerät in Panik


Ich spürte, dass vor meinem Gesicht der Schnee durch die Atemluft ein wenig geschmolzen war. Aber das Atmen war sehr mühsam, da ich den Brustkorb nicht bewegen konnte. Ja, man gerät in Panik. Man versucht zu schreien, was aber nicht richtig geht, weil man zu wenig Luft hat. Man versucht, sich zu beruhigen, weil man ja weiss, dass der Sauerstoff sehr knapp ist und man sparsam damit umgehen muss. Man versucht, sich gegen den Schnee zu stemmen in der Hoffnung, dass die Schneedecke vielleicht nachgeben könnte. Doch natürlich nützt alles nichts. Man ist gefangen, und man kann nur hoffen, dass man rechtzeitig gefunden wird. Dann ist es gut, wenn man wieder eine Weile bewusstlos wird. Man hat absolut kein Zeitgefühl mehr. Der nächste Wachzustand war dann ganz anders. Ich spürte den Körper nicht mehr, Schmerz und Kälte waren weg. Ich fühlte mich wie schwebend in Watte eingebettet und bin langsam und ruhig eingeschlafen. Von da an weiss ich nichts mehr, bis ich beim Arzt in der Lenzerheide wieder aufgewacht bin.


Alle sprachen von einem Wunder


Über meine Rettung weiss ich nur, was man mir erzählt hat. Ein Lawinenhund hat mich gefunden. Ich muss tief im Schnee und ungewöhnlich lange eingegraben gewesen sein. Alle sprachen von einem Wunder, mich noch lebend gefunden zu haben. Ich sei stark unterkühlt gewesen und hätte eine gefährliche Kohlendioxydvergiftung gehabt. Ein Wunder war auch, dass ich nichts gebrochen hatte, sondern nur an den Füssen und am Rücken Verstauchungen und Prellungen davongetragen hatte. Die Retter brachten mich mit dem Helikopter nur bis ins Dorf und nicht in das Spital Chur. Sie hatten befürchtet, dass ich den Weg dorthin nicht überlebe. Ich hatte unheimlich viel Glück.




Skilagerteilnehmer der 2. Klasse der Kantonsschule Glarus


Opfer (Aufzählung nicht abschliessend)


Aebli Daniel (25.2.1946 - 10.2.1961)

Jenny Johannes Heinrich (6.2.1941-10.2.1961) - Hilfsleiter des Skilagers / Chemiestudent an der ETH Zürich

Landolt Ruth Anna (12.6.1946 - 10.2.1961)



Überlebende (Aufzählung nicht abschliessend)


Brandenberger Erna - Lagerleiterin

Bachofen Urs

Brunner Kurt

Dürst Rosmarie (5.4.1945 -)

Heer Fritz Georg (20.5.1946 - 19.2.2002) - konnte sich unverletzt aus der Lawine befreien

Künzli Fritz (8.1.1946 - 22.12.2019) - ehemaliger Nationalfussballspieler

Nägeli Ernst





Quelle: Irène Hunold Straub in der Südostschweiz 2011


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