Lebenserwartungen und Krankheiten

Jahrhunderte lang wurde das Leben der Menschen durch wiederkehrende Epidemien (Pest, Cholera, Typhus, Pocken u.a.) bedroht. Ausgeprägte Hungersnöte nach Missernten verschärften die Lage. Die Sterblichkeitsraten waren hoch und schwankten von Jahr zu Jahr stark (z.B. je nach Wetter- und Erntebedingungen). Vor allem die Säuglings- und Kindersterblichkeit war enorm, und im Durchschnitt erlebte von zwei Neugeborenen nur eines das Erwachsenenalter. Vor allem die seit Mitte des 14. Jahrhunderts immer wieder auftauchende Pest war gefürchtet. Sie forderte viele Opfer und liess zeitweise ganze Landstriche veröden. Die Pest erreichte den Kanton Glarus im August 1611 und 1629. Im Pestjahr 1611 starben alleine in Glarus rund 900 Personen. So starb auch Hilarius Wild (1570-1611) im August den schwarzen Tod. Während der Pest im Jahr 1629 starben nochmals rund 1‘600 Einwohner im Land Glarus an der Seuche.

Die häufigen Kriegszüge in Europa, aber auch feudale Ausbeutung verringerten die Lebenschancen breiter Bevölkerungs-schichten weiter. Allerdings lebten auch damals - wie heute - die Reichen länger als die Armen. So erreichten im 17. Jahrhundert von 1000 Personen aus der Oberschicht (höhere Amtsträger, Groß- und mittleres Bürgertum) 305 das 60. Lebensjahr. Bei der Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, qualifizierte Arbeiter) waren es 171, und bei der Unterschicht (unqualifizierte Arbeiter, Handlanger) erlebten nur 106 von 1000 ihren 60. Geburtstag.

Das Muster einer immer wieder durch Epidemien und Hungerseuchen dezimierten Bevölkerung begann sich in Europa erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts allmählich zu ändern. Das Ende der tödlichen Pestwellen war ein wichtiger Schritt. 1720 wurde die letzte europäische Pestepidemie verzeichnet, die dank Quarantänemaßnahmen nur bis Marseille und Umgebung vordrang. Missernten mit darauffolgenden lokalen Hungersnöten oder Infektionskrankheiten, wie Pocken, Cholera oder Typhus, trafen die Menschen des 18. Jahrhunderts jedoch weiterhin hart. So fielen im 18. Jahrhundert Pockenepidemien direkt oder indirekt an die 15-20% jedes Geburtsjahrgangs zum Opfer. Im 18. Jahrhundert gelang es allerdings allmählich, die Ausbreitung von Seuchen und Hungersnöten einzudämmen, auch wenn das Sterberisiko für Säuglinge und Kinder weiterhin hoch blieb. Ein definitiver Anstieg der Lebenserwartung erfolgte allerdings erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, da ständige kriegerische Auseinandersetzungen oder eine Verarmung städtischer und ländlicher Unterschichten die Sterblichkeitsraten immer wieder erhöhten.

Miniatur aus der Toggenburg-Bibel von 1411

Ein entscheidender Faktor für das langfristig wirksame Zurückdrängen des vorzeitigen Todes war eine verbesserte Ernährung breiter Bevölkerungsschichten. Der Beginn des Prozesses zu höherer Lebenserwartung war eng mit der Modernisierung der Landwirtschaft verknüpft. Dank besserer Bewirtschaftung des Landes, der Einführung neuer Futterpflanzen, einer gezielten Zucht von Milchkühen sowie der allmählichen Verbreitung der Kartoffel begann sich die 'Nahrungslücke' zu schließen. Die Menschen vermochten sich trotz ihrer wachsenden Zahl reichlicher zu ernähren, und sie waren gegen Hungersnöte besser geschützt.

 

In verschiedenen Regionen Europas sicherte auch das Aufkommen von Heimarbeit den Lebensstandard der Bevölkerung. In der Schweiz beispielsweise begann der Sterblichkeits-rückgang in Gebieten mit ausgebauter Heimarbeit (so auch im Land Glarus) zuerst, da sich damit auch Frauen und Männer ohne oder mit nur geringem Landbesitz reichlicher zu ernähren vermochten. 

 

Ab Ende des 18. Jahrhunderts wandelten sich allmählich auch die Einstellungen zu Krankheit und Tod. An Stelle einer fatalistischen und passiven Hinnahme traten im Rahmen eines aufklärerischen Fortschrittsglaubens aktivistische Einstellungen zur Krankheitsbekämpfung.

 

Trotz allmählich besserer Ernährungsgrundlage und verstärkten hygienischen Anstrengungen (etwa in Bezug auf Abwässer und Abfallbewirtschaftung) blieb die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt allerdings vielerorts bis tief ins 19. Jahrhundert vergleichsweise gering. Chronische Infektionskrankheiten blieben bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts virulent. Junge Männer und Frauen wurden etwa häufig Opfer von Lungentuberkulose; eine Krankheit, die im späten 19. Jahrhundert rund 10% aller Todesfälle verursachte und damit die Haupttodesursache junger Erwachsener war.

 

Im späteren 19. Jahrhundert wurden gesundheitspolitische Kampagnen (Pockenimpfung) sowie neue Sauberkeits- und Hygienenormen durchgesetzt. Damit verbesserten sich die Chancen, ein höheres Lebensalter zu erreichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichten schon 36% aller männlich Geborenen das 60. Lebensjahr, und bei den Frauen waren es sogar 54%.

Säuglingssterblichkeit

 

Ein entscheidender Faktor für die geringe durchschnittliche Lebenserwartung in früheren Epochen war die hohe Säuglingssterblichkeit. Von 100 Neugeborenen verstarben im 18. und 19. Jahrhundert oft mehr als 20-25 schon im ersten Lebensjahr. Vor allem Magen-Darm-Infekte rafften viele Säuglinge hinweg. Die epidemischen Infektionskrankheiten (Pocken, Masern, Scharlach, Keuchhusten usw.) wurden während des 18. und frühen 19. Jahrhunderts in wachsendem Masse zu typischen Kinderkrankheiten, die primär Säuglinge und Kleinkinder bedrohten. Wer im 18. und 19. Jahrhundert das erste Lebensjahr überlebte, dessen Lebenserwartung erhöhte sich deutlich, weil die Überlebenden gegenüber vielen Infektionskrankheiten immun wurden.

 

An der hohen Säuglingssterblichkeit - vor allem verursacht durch Verdauungskrankheiten - änderte sich bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten Gebieten Europas wenig. Die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit stieg Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Regionen sogar vorübergehend an, hauptsächlich aufgrund einer verstärkten Virulenz von Diphtherie und Scharlach. Zu einem markanten Rückgang der Säuglingssterblichkeit kam es erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit wurde insbesondere durch einen Wandel der Mutter-Kind- Beziehungen reduziert. Veränderte Stillgewohnheiten (Stillen durch Mütter) sowie eine intensivere und hygienischere Säuglingspflege erhöhten die Lebenserwartung der Neugeborenen. Mütterliche Pflege wirkt sich natürlich auf die Qualität der Kinderernährung aus, da sich liebende Mütter in den 'bösen alten Tagen' mit größerer Wahrscheinlichkeit um Kuhmilch bemühten, anstatt ihre Kinder mit Brei zu füttern. Sie wirkt sich ebenso auf den Grad der häuslichen Sauberkeit aus, da besorgte Mütter wiederum mit größerer Wahrscheinlichkeit ihre Kinder trockenlegen, ihre Bettwäsche sauber halten, die Schweine von der Wiege fernhalten und vieles mehr.

Rund ein Viertel aller Neugeborenen verstarb bereits im ersten Lebensjahr

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