Die Auswanderung nach Holland

vor allem eine Söldner-Auswanderung

Schweizer Garde der Generalstaaten 1752.

Schweizer Truppen in niederländischen Diensten

 

Von 1568 bis 1829 standen 31 Schweizer Truppen in niederländischen Diensten, schätzungsweise gesamthaft rund 80'000 Mann. Sie waren in drei Abschnitten der Geschichte der Niederlande im Einsatz: erstmals vom 16. bis zum 18. Jahrhundert im Heer der Republik der Vereinigten Niederlande, auch Generalstaaten genannt, im 18. Jahrhundert in Afrika und Asien für die Niederländische Ostindien-Kompanie und im 19. Jahrhundert in der Armee der nach dem Wienerkongress 1815 entstandenen konstitutionellen Monarchie des Vereinigten Königreichs der Niederlande. 

 

Die Entwaffnung des Bauernstandes durch den Adel begann in Europa im 12. Jahrhundert. Nur im Alpenraum behielten die Bauern das Recht zum Tragen von persönlichen Waffen. Durch gelmässige Übung blieb ein kriegerischer Geist im ganzen Volk bestehen. Da im 14. Jahrhundert die Bauern in Ländern ausserhalb des Alpenraumes von ihren Grundherren grösstenteils vom Militärdienst befreit worden waren, stieg die Nachfrage nach Söldnern. Auch die italienischen Stadtstaaten brauchten Mietsoldaten. Hier entwickelte sich seit dem 13. Jahrhundert eine eigenartige Form des Söldnerwesens, und zwar auf der Basis einer Art freier Unternehmung, die wir später auch in den Niederlanden antreffen. Der Anführer, damals Condottiere genannt, brachte mit Eigenmitteln einen Trupp Soldaten zusammen, die er an kriegführende Parteien mit Gewinnabsichten zu vermieten versuchte. Da der Condottiere in diese Söldner sein Kapital angelegt hatte, war es für ihn äusserst wichtig, Verluste zu vermeiden. Deshalb endeten die Schlachten zwischen Söldnerheeren damals oft ohne allzu viel Blutvergiessen.

 

Es ist bekannt, dass im 13. und 14. Jahrhundert Schweizer Söldner im Dienste der Könige von Frankreich und Spanien, der Fürsten von Savoyen und der Pfalz, des Abtes von St. Gallen und der Städte Mailand, Strassburg und Nürnberg standen. Dieser Solddienst war sehr beliebt und hatte vor 1500 noch nichts mit schlechten wirtschaftlichen Zuständen in der Heimat zu tun. Das wurde erst im 18. Jahrhundert ein wichtiger Beweggrund. Als Motive galten damals vor allem Abenteuerlust, die Sucht nach Beute und das Erlangen von Ruhm. Es ist nicht genau bekannt, wieviel Schweizer im Spätmittelalter als Söldner in die Fremde zogen. Jedoch waren sie es, die durch ihre Treue, Entschlossenheit und Standfestigkeit den Ruhm von Land zu Land weitertrugen.

 

Man schätzt, dass vom 15. bis zum 18. Jahrhundert zwischen 850'000 und einer Million Schweizer, davon 70'000 Offiziere und 700 Generäle, in fremden Diensten standen, von denen allein im 17. Jahrhundert zwischen 250'000 und 300'000 Mann das Leben verloren haben.

 

Nachdem die Schweizer im eigenen Land Karl den Kühnen von Burgund bei Murten 1476 vernichtend geschlagen hatten, wollte jeder Fürst oder Staat in Europa Schweizer Soldaten anwerben. Die Regierungen der selbständigen Kantone versuchten jedoch immer mehr zu verhindern, dass Kriegsunternehmungen auf private Rechnung im In- und Ausland geführt wurden. Dazu schloss man mit fremden Fürsten und Staaten Abkommen (sogenannte Kapitulationen) ab und erhielt dadurch für die Schweiz politische und wirtschaftliche Vorteile. Das ungeregelte und direkte Dienstnehmen von Soldaten, das sogenannte «Reislaufen», wurde dann verboten.

 

Bereits 1480 holte König Ludwig XI. 6'000 Schweizer als Ausbilder nach Frankreich, die dann das erste französische Infanteriekorps bildeten. König Ferdinand von Aragon liess 1483 für die Ausbildung der Spanischen Infanterie 10'000 Schweizer anwerben. Auch bei den Heeren von Ungarn, Savoyen und Venedig wurden Schweizer als Ausbilder in Dienst genommen. Papst Julius II. gründete 1505 die Päpstliche Leibgarde, die heute noch existiert und die älteste militärische Einheit Europas ist. 

 

Der Krieg gegen Burgund und die Feldzüge nach Italien hatten die Eidgenossenschaft zu einer Militärmacht ersten Ranges in Europa gemacht. Die Schweizer Infanterie entthronte das ritterliche Reiterheer und brachte die seit der Zeit Roms nicht mehr bekannten Bewegungen in geschlossener Formation (Kohorten) und die Disziplin in Reih und Glied zu neuen Ehren. Auch die Taktik der Schweizer Speerträger machte Schule und diente als Vorbild für die Infanterie aller Europäischen Staaten. Die Schweizer Soldaten waren bekannt für ihren Mut und ihre Entschlossenheit, die sie während des Kampfes zeigten, und vor allem auch für die Treue zu ihren Kommandanten und Brotherren. Vor allem aus armen und überbevölkerten Gebieten, wie Süd-Deutschland, den Schweizer Bergkantonen, Ost-Europa und dem Balkan wurden viele Söldner für Europäische Heere angeworben.

 

Schweizer Truppen in der Republik der Vereinigten Provinzen (Generalstaaten)

 

Darunter verstehen wir die von 1581 bis 1795 in Holland existierende Republik. Schon lange vor 1693 gab es Schweizer im Dienste Hollands. 1598 beschlossen die Generalstaaten mit in Frankreich abgedankten Schweizern vier Kompanien zusammen zu stellen. Bis 1797 hat es im Heer der Generalstaaten immer Schweizer Kompanien gegeben. Seit 1672 hatte Prinz Wilhelm III. von Oranien eine Anzahl Schweizer Hellebardiere in seinen persönlichen Diensten. Deren Anzahl wuchs allmählich auf 100 Mann an. Sie stammten meist aus dem Kanton Bern. 

 

Die Schweizer Soldaten in holländischen Diensten mussten mindestens 15 Jahre alt und konfirmiert sein und stammten zum grössten Teil aus den Kantonen Bern, Zürich, Graubünden, Neuenburg, Waadt und Schaffhausen. Die Kantone Basel, Glarus und Appenzell-Ausserrhoden lieferten nur wenige Soldaten.

 

Im 16. Jahrhundert hatte Frankreich enge Beziehungen mit einzelnen Schweizer Kantonen und bezahlte grosszügige «Pensionen» (Jahresgelder) an einflussreiche Familien. Vorab im Kanton Bern konnten die Franzosen dadurch eine grosse Zahl von Schweizer Kompanien für ihr Heer anwerben. 

 

Anfänglich wurde dabei nicht auf die Konfession der Offiziere und Soldaten geachtet. Nachdem jedoch Ludwig XIV. im Jahre 1685 das Edikt von Nantes, das den Protestanten in Frankreich Glaubensfreiheit garantiert hatte, widerrief, entstand in vielen Teilen der Schweizer Bevölkerung grosse Verunsicherung und eine grössere Anzahl Schweizer Offiziere verliess mit ihren Kompanien den französischen Dienst. Daraufhin, und vor allem nachdem Wilhelm III. als König Jakob II. in England nachgefolgt war, stellten sich die reformierten Kantone, namentlich in Bern, Zürich und Graubünden, auf die neue Situation ein. Man fing an, den Krieg Frankreichs gegen die Holländische Republik mehr und mehr auch als Religionskrieg zu verstehen. Wilhelm III. (König von England und Schottland und nach wie vor Statthalter der Republik Holland) wurde von ihnen zum Vorbild und Verfechter der gerechten Sache, und so wurde unwillkürlich das Motiv geschaffen, womit später die Kantonsregierungen dazu bewogen werden konnten, auch Anwerbung von Soldaten für den Dienst in Holland zu genehmigen.

 

Eine wichtige Gruppe von Vorläufern der späteren Schweizer Regimenter in Holland, waren die sogenannten Freikompanien, die 1692 entstanden. Eine dieser Freikompanien war die des aus Glarus stammenden Paravicini, der sich später dem 3. Schweizer Regiment (Regiment Tscharner) anschloss.

 

1693 kamen die ersten von den Kantonsregierungen anerkannten Bataillone und Regimenter zustande. Dies war der eigentliche Anfang des grossen Zustromes von Schweizer Soldaten in die holländische Republik, der bis 1796/97 fortdauern sollte. Diese Regimenter sind beim Sturz der Republik und nach Ablauf ihrer Verträge und Auszahlung des rückständigen Soldes aufgelöst worden und kehrten 1796/97 zum grössten Teil in die Schweiz zurück.

 

Nach dem Sturz Napoleons schuf der Wiener Kongress 1815 aus dem Königreich Holland zusammen mit den früheren Österreichischen Niederlanden (heute Belgien) die konstitutionelle Monarchie des Vereinigten Königreichs der Niederlande. Wilhelm VI., Prinz von Oranien, der Sohn des 1795 nach England geflüchteten Wilhelm V., wurde als König Wilhelm I. der Niederlande eingesetzt. Mit dem Ziel, rasch wieder eine niederländische Armee aufzubauen, schloss dieser bereits 1814 auch Verträge mit eidgenössischen Kantonen für vier Schweizer Regimenter ab. Der Bundesvertrag von 1815, zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht in Kraft, gestattete es den Kantonen, selbständig Militärverträge mit ausländischen Staaten abzuschliessen. Glarner dienten in dieser Zeit (1814-1829) vor allem im Regiment von Jakob Sprecher von Bernegg aus Maienfeld und Jakob Schmid aus Glarus. Das Regiment wurde 1819 aufgelöst.

 

Familienforschung über Schweizer Söldner in Holland

 

Für die Zeit von 1648-1811 gibt es Auszüge von Militärehen über die meisten damaligen holländischen Garnisonsstädte, die sogenannte «Kollektion Wolters» und J.G.H. Manie hat die Eheschliessungen von Schweizer Söldnern in ‘s-Hertogenbosch, Breda und Bergen-op-Zoom herausgesucht und seine Auszüge befinden sich in den Stadtarchiven dieser Städte. In Bergen-op-Zoom fangen diese Ehen 1677 an und gehen bis 1734. Von den dort geschlossenen Ehen wurden bei einem Drittel der Soldaten der Ort oder Kanton ihrer Herkunft erwähnt, während bei zwei Dritteln der Soldaten nur «aus der Schweiz» steht. Jedoch wird fast immer erwähnt, bei welcher Kompanie oder welchem Regiment der Soldat diente, was die Möglichkeit bietet, ihn so in den entsprechenden Verzeichnissen zu finden. Daher ist es wichtig, den Namen des Kompaniekommandanten, des Regimentskommandanten oder des Generals des Schweizer Regiments zu kennen, in welchem der Soldat gedient hatte. In Holland sind Offiziersbüchlein erschienen («Naem-register van de Officieren») die von 1725 bis 1808 grösstenteils erhalten geblieben sind. Sie enthalten die Namen der Offiziere und somit auch jene der Kompaniekommandanten und die Garnisonsstädte, in welchen sie stationiert waren. Die Regimenter und Kompanien führten genauestens Buch über ihre Mannschaftsbestände. Um über ihre Untertanen im Ausland informiert zu bleiben, verlangten die Kantonsregierungen in der Schweiz auch jährliche Listen, die teilweise erhalten geblieben sind.

 

Glarner Soldaten dienten meist im 4. Regiment von Graubünden (1693-1797). 1693/94 hatte Graubünden seine Truppenkontingente aus den Französischen Diensten zurückgerufen und hatte sich 1695 geweigert, den Vertrag mit Frankreich zu erneuern. So wurden die Truppen ab 1693 in holländische Dienste verpflichtet. Die Soldaten kamen zu etwa zur Hälfte aus Graubünden, sonst aus Bern, Zürich, Glarus und Appenzell-Ausserrhoden und das Regiment bestand 1696 aus 1'600 Mann mit 2 Bataillonen von 4 Kompanien à 200 Mann und 2'400 Mann 1748. Das Bündner Regiment ging zusammen mit der niederländischen Armee unter und wurde 1797 aufgelöst.

 

Als Oberst und Eigentümer dieses Regiments dienten die nachfolgenden Kommandanten, die dem Regiment auch jeweils den Namen gaben:

 

1693 Hercules von Capol (1642-1706) aus Flims 

1706 Christoffel Schmid von Grüneck (1671-1730) von Illanz

1730 David Reydt

1735 Rudolf Anton von Salis

1745 Johann Baptista von Planta (1685-1757) aus Zuoz

1759 Heinrich Sprecher von Bernegg

1763 Johann Christoph Friedrich Schmidt

 

Im Landesarchiv Glarus befindet sich ein Manuskript von Hans Thürer mit dem Titel «Glarner Offiziere in fremden Kriegsdienste» welches die Namen von etwas 970 Glarner Offizieren auflistet, worunter aber viel in anderen als holländischen Diensten standen.

 

Vor allem diejenigen Soldaten, die sich mit einer Holländerin während ihrer Dienstzeit in Holland verheiratet hatten, blieben in den Niederlanden und gründeten dort oftmals eine zahlreiche Nachkommenschaft. Von den holländischen Frauen, die Schweizer Soldaten heirateten, kamen rund 80% aus den Garnisonsstädten selber und die übrigen kamen aus naheliegenden Dörfern. Von einigen Ehepaaren wurden Kinder in nicht weniger als 7 verschiedenen Orten getauft, ein Beweis dafür, dass die Frauen mit ihren Männern mitzogen. Die heutigen niederländischen Familiennamen weichen oft stark vom ursprünglichen Schweizer Familiennamen ab. So wurde beispielsweise aus Bäbler Bebelaar, Glarner Klarenaar, aus Hösli Hosli, aus Schuler Schuller, aus Trümpy Trumpie und aus Wirth Weert. 

 

Glarner Namen die nach Holland ausgewandert sind

 

Bis heute konnte ich die folgenden Glarner Soldaten ausmachen, die in Holland blieben und dort zum Stammvater der holländischen Linien wurden (Liste wird fortlaufend nachgeführt):

 

Bäbler Jakob (1762-1811), verheiratet 1787 mit Jacoba van Antwerpen (1767-1839) in Veere. Er ist als Soldat 1795 nach Holland ausgewandert.

 

Beglinger Johannes (1729-1798), verheiratet 1749 mit Marija Commeseel (1722-1804) in s’Gravenhage 

 

Glarner Franz (1745-1795), verheiratet mit Dorothea Visser (1750-). Zwischen 1765 und 1776 ging er alleine oder mit einer Gruppe von Soldaten nach Holland. Über Nijmegen ist er wahrscheinlich in Grave gelandet.

 

Hösli Hans Balthasar (1808-1861), verheiratet ca. 1844 mit Maria Catharina Vaarten (1809-1870) in Alphen aan den Rijn. Er wurde am 18.6.1827 für 6 Jahre als Soldat nach Holland angeworben.

 

Knobel Fridolin (1807-1872), verheiratet 1839 mit Petronella Mol (1814-1848) in Rucphen. Er wurde am 19.11.1825 für 6 Jahre als Soldat nach Holland angeworben.

 

Kubli Rudolf (1799-1872), Holländische Militärordonnanz, verheiratet 1847 mit Jantien Siebers (1813-1896) in s’Gravenhage

 

Luchsinger Johann Kaspar (1729-1809), verheiratet 1770 mit Greetje Cuypers (1739-1827) in s’Gravenhage

 

Hans Heinrich (Hendrik) Schuler (1719-1767), Gerichtsbote und Wachmeister, verheiratet 1747 mit Johanna Hendrina Colemans (1721-1801) in Breda. Er kam als Wachmeister im Schweizer Regiment von Oberst Jean Baptiste von Planta ca. 1743 nach Holland.

 

Trümpy Jakob (1737-1782), Herbergie in Rijswijk, verheiratet 1766 mit Cornelia Koster (1737-1782) in s’Gravenhage

 

Wirth Wolfgang (1790-1855), verheiratet 1826 mit Mechtilde Muhlenberg (1794-1836) in Maastricht und 1837 mit Aatjen Helmich (1814-1866). Er wurde am 15.12.1819 als Soldat nach Holland angeworben.

 

 

 

Quellen:

 

Erismann Otto, Schweizer in holländischen Diensten, in: Blatter für bernische Geschichte, Kunst und Altertumskunde, 1916, 41ff.

Manie J.G.H., Kwartierstatenboek

Murray Bakker Albach Robert, Die Schweizer Regimenter in holländischen Diensten 1693-1797, in: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung, 1989, 57ff.

Wikipedia, Schweizer Truppen in niederländischen Diensten, abgerufen am 28.1.2021:

www.de.wikipedia.org/wiki/Schweizer_Truppen_in_niederländischen_Diensten

Wolters H.J., Kollektion Wolters, Auszüge von Militärpersonen aus den Eheregistern der holländischen Garnisonsstädte von 1648-1811, mit alphabetischem Register

 
 
 
 
 
Grenandieroffizier der holländischen Sch
Oberst mit Sponton, Grenadier und Füsili