Auswanderung

Die Schweiz als Auswanderungsland

 

Die endlose Reise der Auswanderer

Es ist ein Roulette, und dein Einsatz ist dein Leben!

 

Die Auswanderung ist einer der radikalsten und folgenreichsten Schritte, die ein Mensch unternehmen kann. Schließ die Tür und wirf den Schlüssel weg! Was hinter dir liegt, musst du vergessen: das Haus deiner Kindheit, die Gesichter deiner Freunde, die Straßen deines Dorfes, die Vertrautheit deiner Sprache. Auch die tausend kleinen Dinge des täglichen Lebens, die Sicherheit bedeuten. Das ist alles ein Zuhause. Wenn du auswanderst, musst du es aufgeben. Aber was bekommt man dafür?

 

Der Schmerz des Abschieds, die Kleinlichkeit der Bürokraten, die Gefahr der langen Reise, der Zwang, Fremdsprachen anzunehmen, um die gewöhnlichsten Dinge zu organisieren. Sicher, du bekommst das alles dafür. Darüber hinaus die Aussicht, an dem neuen Ort allein zu sein und vielleicht zu leiden. Die Angst, keine Arbeit zu finden, um weiterzuleben. Vielleicht auch die Gefahr, getäuscht und verarmt zu werden, um dorthin zurückzukehren, wo du herkommst.

 

Die Kulturgeschichte der Auswanderung ist noch nicht geschrieben, was erklären könnte, warum Menschen in allen Zeiten aus den manchmal goldenen Käfigen ausgebrochen sind, um ein völlig neues Leben zu beginnen. Es gab und gibt auch ganze Stämme und Völker, die immer wieder durch Krieg, Gewalt und Hunger zur Flucht gezwungen wurden. Emigration ist ein menschenhistorisches Phänomen, das die radikal praktizierte Hoffnung verkörpert: die Hoffnung auf Gedankenfreiheit, Religionsfreiheit, Befreiung von der Not, bessere Arbeit, blühender Handel, aber auch, um den großen Schritt nach oben machen zu können, sei es als Goldgräber oder als Bankier.

Am Rheinufer in Basel verabschieden sich die Auswanderer 1805.

 

Mindestens zweieinhalb Millionen Schweizer haben sich seit dem Jahr 1400 auf dieses existentielle Abenteuer begeben. Einige heirateten, hatten Kinder und gründeten ganze Dynastien. Zusammen bilden die Nachkommen dieser Auswanderer das, was im offiziellen Schweizer Sprachgebrauch "die fünfte Schweiz" genannt wird: eine Nation mit vielen Millionen Menschen schweizerischer Abstammung, die über den ganzen Globus verstreut ist, die genaue Anzahl lässt sich nicht bestimmen. Auch wenn man die fast zwei Millionen Söldner außer Acht lässt, die von 1400 bis 1850 vorübergehend oder dauerhaft im Dienste ausländischer Herrscher standen, gibt es im Laufe der Generationen eine große Anzahl von Schweizer und vor allem Glarner-Präsenz und Fahrten ins Ausland. Die Geschichte der Schweizer Auswanderung unterscheidet zwei mächtige Strömungen: die militärische Auswanderung auf der einen Seite und die Siedlungs- und Berufsauswanderung auf der anderen Seite.

Streng genommen war der Militärdienst für ausländische Meister natürlich eine professionelle Auswanderung. Der Militärdienst bis zur Französischen Revolution, als es nicht darum ging, die Heimat zu verteidigen, war weniger eine Frage der Staatsbürgerschaft als vielmehr der wirtschaftlichen Notwendigkeit, insbesondere für den Teil der großen Nachkommen von Bauernfamilien, die der karge Boden nicht ernähren konnte. "Kriegskraft" als Begriff war ziemlich wörtlich zu nehmen. Die zweite Welle der schweizerischen Militärauswanderung, die nach der Schlacht von Marignano (1515) begann, war somit die grosse Ära der Militärunternehmer. Der Söldner trat nicht in erster Linie in den Dienst eines ausländischen Herrschers, sondern wurde zum Schreiber eines Kapitäns, der Löhne und Arbeitsbedingungen festlegte, seine Truppe an den ausländischen Herrscher vermietete, das Risiko übernahm und Verluste sowie Gewinne einsteckte.

 

Die mit Abstand meisten Schweizer Söldner standen im Dienste der französischen Könige und Kaiser. Seit dem Ende des Burgunderkrieges, der den ausgezeichneten Ruf der Schweizer Krieger international gestärkt hatte, bis hin zu den Napoleonischen Kriegen, die mit der Wintertragödie auf der Beresina gipfelten, als die "Roten Schweizer" den Rückzug der besiegten "Grande Armée" und der 10'000 Schweizer, die zur Eroberung Russlands gezogen waren, abdeckten, kehrten nur 700 zurück.

 

Die mit Abstand bedeutendste und zahlenmäßig stärkste Schweizer Übersee-Emigration wandte sich an die große Nation der Neuzeit, die Vereinigten Staaten von Nordamerika. In keinem anderen Land haben Schweizer Einwanderer in den letzten vierhundert Jahren so starke Spuren mit vergleichbarer Kontinuität hinterlassen. Mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 übertrifft die Unterschrift eines Mannes schweizerischer Abstammung sogar die von Benjamin Franklin: Es ist der Name des aus dem St. Galler Rheintal stammenden Arztes und Politikers Benjamin Rush (1745-1813) aus Pennsylvanien. Der Genfer Albert Gallatin (1761-1849), enger Mitarbeiter von George Washingtons ersten Jahren der amerikanischen Unabhängigkeit, wurde unter Präsident Thomas Jefferson Finanzminister und ging als Reorganisator der amerikanischen öffentlichen Finanzen in die Geschichte ein. Heute erinnert ein Denkmal an ihn in Washington. Herbert Clark Hoover (1874-1964), der 31. Präsident der Vereinigten Staaten, könnte man auch zu den "Schweizern" in der amerikanischen Hochpolitik zählen. Seine Abstammung geht eindeutig auf einen Andreas Huber zurück, der am 9. September 1738 nach Philadelphia ausgewandert war. Dieser Huber kam aus Ellerstadt in der Pfalz. Sein Vater Gregor Jonas Huber war 1697 oder 1699 von Oberkulm im Kanton Aargau ins deutsche Rheinland gezogen, um beim Wiederaufbau des von den Armeen Ludwigs XIV. zerstörten Landes zu helfen.

 

Sie sind alle Einwanderer, immer alle weißen Amerikaner, die ihr Land gerne "eine Nation der Nationen" nennen. Die Geschichte dieses Landes ist einzigartig. Sogar die Indianer, die von weißen Invasoren entmachtet und vertrieben wurden, waren aller Wahrscheinlichkeit nach Einwanderer, die vor dem Ende der letzten Eiszeit aus Asien über die Beringstraße nach Alaska eingedrungen sein könnten und sich im Laufe der Jahrtausende über den Kontinent ausdehnten.

 

In dieser mächtigsten kolonialen Operation der Weltgeschichte waren die Schweizer fast vom ersten Moment an präsent, zumindest als Randfiguren wie der Diebold von Erlach, ein junger Fähnrich im französischen Dienst, der 1565 in Florida fiel. Er war der erste Schweizer in Amerika. In den vier Jahrhunderten seit damals hat sich Amerika von einer abenteuerlichen Mischung aus Indianern, Spaniern, Mexikanern, Chinesen, Engländern, Iren, Schotten, Italienern, Juden und vielen anderen Völkern zur mächtigsten westlichen Führung und zu einer wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Großmacht entwickelt.

 

Wenn wir die Geschichte und die Leistungen der Schweizer und insbesondere der Glarner in Amerika beobachten wollen, müssen wir zumindest diese großen historischen Kurse in Anspielungen betrachten. Die Schweizer Auswanderung nach Nordamerika ist keineswegs ein Sonderfall, sondern ein - quantitativ gesehen - geringer Beitrag zum Leben und zur Entwicklung eines grossen Landes. Rund 300'000 Schweizer haben seit dem Jahr 1600 bis heute den entscheidenden Schritt über den Atlantik gemacht und sich in Amerika niedergelassen. Mit seinem Schicksal und seinen Plänen, seiner Vergangenheit, seinen Fähigkeiten und Fehlern trug jeder dieser 300.000 ein winziges Stück Heimat in seinem Herzen, bestimmt und geprägt von seinen persönlichen Motiven durch spirituelle, politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Strömungen seiner Zeit. Und so wie die Auswanderer immer ein Stück Heimat mit sich führen, strahlen ihre Taten zurück in ihre alte Heimat. Diese Heimat findet in ihrem berühmten wie auch in ihren vergessenen oder gar gescheiterten Söhnen und Töchtern oft ein faszinierendes Bild von sich selbst.

Wirtschaftliche Härten führten im 19. Jahrhundert zu drei großen Auswanderungswellen

 

Zu jeder Zeit wanderte Glarner aus, vorübergehend oder für immer. Die Gründe dafür waren vielfältig. Viele drängten die nackte Not in das nahe und ferne Ausland, andere gingen aus Durst nach Abenteuer, Neugierde oder Reichtum. Für die Glarner Gemeinden war die Auswanderung schon immer ein Mittel, um unangenehme, verarmte oder anderweitig "belastende" Menschen loszuwerden. Einige Auswanderer wurden erfolgreich, andere scheiterten und die meisten von ihnen verloren ihre Spuren.

 

Die überwiegende Mehrheit der Schweizer Auswanderer verliess die Schweiz wegen Armut. Die meisten Schweizer, die auswandern wollten, verließen ihre Heimat im 19. Jahrhundert in drei großen Wellen. Die Ursachen waren immer ähnlich: Es ging immer um wirtschaftliche Not. Der Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora im Jahr 1815 brachte eine Veränderung des Weltklimas mit sich, die 1816 in der Schweiz zu Ernteausfällen und Inflation führte. Gleichzeitig sorgte die Aufhebung der kontinentalen Blockade und damit die Konkurrenz zwischen englischen Garnen und der Schweizer Textilindustrie für einen starken Wettbewerb. Der Umsatzrückgang und die anschließende Mechanisierungswelle der Textilspinnerei machten Tausende von Heimspinnern arbeitslos. Die Krise führte zur ersten großen Auswanderung nach Übersee.

 

Ausschlaggebend waren aber nicht nur die hohen Lebensmittelpreise und die wirtschaftlichen Veränderungen, sondern auch andere Faktoren: In der Nordwestschweiz litt die Bevölkerung besonders stark unter den Folgen der Napoleonischen Kriege (1792-1809). Viele Familien waren bereits zwischen 1803 und 1806 ausgewandert. Sie bereiteten den Boden für weitere auswanderungswillige Familien. Diese schlossen sich in der Regel einem der verschiedenen Auswanderervereine an, die als Selbsthilfeorganisationen fungierten. Unter den Migranten gab es kaum Arme. Die meisten von ihnen kamen von den landbesitzenden Heimarbeitern, die zumindest einen kleinen Bauernhof verkaufen und so die Reise finanzieren konnten.

 

Ganz anders stellt sich die Auswanderungswelle um 1850 dar. Sie war um ein Vielfaches größer, anders organisiert und hielt länger an, auch wenn die Ursachen ähnlich waren. Bereits 1837, 1838 und 1841 waren schlechte Erntejahre. Von 1845 bis 1847 zerstörte der aus Irland importierte Kartoffelfäule große Teile der Kartoffelernte. Die Textilindustrie befand sich in einer zweiten Mechanisierungsphase. Nun waren nicht nur die Spinnereien betroffen, sondern auch die Webereien. Die Löhne in der Heimarbeit sanken, der Heimarbeiter stand nun im Wettbewerb zu den Fabriken mit ihren modernen Maschinen. Dies hatte vor allem in Heimarbeitsgebieten wie Glarus verheerende Auswirkungen. Der Hauptgrund für die hohe Zahl der Auswanderer in diesen Jahren war die Förderung der Auswanderung durch die Gemeinden. Die Massenauswanderung beschäftigte eine große Anzahl von Auswanderungsbehörden, die die Durchreise für die Gemeinden zum Festpreis organisierten. Wie 1816/17 waren die USA das bevorzugte Ziel.

 

1844 wurde der Glarner Auswanderungsverein gegründet, dessen Ziel es war, eine kollektive (d.h. gemeinsame, in einer größeren Gruppe) Auswanderung zu organisieren. Es verspricht erhebliche Vorteile wie weniger Heimweh, soziale Kontakte in der Gruppe, Verwendung der Muttersprache, weniger Risiko, betrogen zu werden, gegenseitige Hilfe und finanziell günstigere Bedingungen. Die Mitglieder dieses Auswanderervereins waren jedoch ausschließlich Vertreter der Behörden und nicht die Angeklagten selbst.

 

Eine dritte und letzte Auswanderungswelle fand zwischen 1880 und 1885 statt. Im Gegensatz zur vorherigen Welle waren nur wenige Auswanderer arme Migranten. Obwohl die Landwirtschaft erneut unter schlechten Ernten litt, war der schnelle wirtschaftliche Wandel für die meisten Migranten der entscheidende Faktor. Die Landwirtschaft wandte sich mehr und mehr der Viehzucht zu, der Getreideanbau wurde durch billige Eisenbahnimporte aus Russland unrentabel. Die Umstellung konnte sich nur wohlhabende Bauern leisten, viele mittlere und kleine Unternehmen gaben auf. Darüber hinaus hat die Krise in der Textilindustrie die Hausaufgabenarbeit erneut massiv reduziert. Die Landbevölkerung fand nun Arbeit in den aufstrebenden Industriezentren der Städte. Diejenigen, die es vorzogen, in der Landwirtschaft zu arbeiten, suchten seine Rettung in der Auswanderung nach Übersee, den USA und Südamerika.

 

Neben den wirtschaftlichen Gründen spielten bei der Auswanderungsentscheidung auch individuelle psychologische und soziale Gründe eine wichtige Rolle. Grundsätzlich war es wahr, dass nie ein einziges Motiv zur Auswanderung führte, sondern immer eine Ansammlung von unterschiedlichen Voraussetzungen und Gründen zusammenkommen musste, bevor die meist einfachen, völlig unerfahrenen Menschen beschlossen, um die halbe Welt zu reisen. Man muss sich zum Beispiel bewusst sein, dass die Glarner Auswanderer, die 1845 nach Wisconsin gingen und New Glarus gründeten, zum ersten Mal in ihrem Leben einen Zug in Amerika sahen.

 

Unzählige Auswanderungsschreiben belegen, dass nicht so sehr die Neugierde und der Abenteuerdrang die Schweizer zur Auswanderung veranlasst haben, sondern die Sorge um den Lebensunterhalt der Kinder, das positive Urteil früherer Verwandter und Bekannter über das verlockende, abgelegene Land sowie sehr persönliche, meist nur ansatzweise transparente Motive. Menschen über 50 Jahre und älter, die sich in ihrer Heimat einen Arbeitsplatz und eine ausreichende Lebensgrundlage gesichert hatten, wollten sich selbst beweisen, dass sie noch jung und fit genug sind, um von Anfang an dabei zu sein. Oftmals spielte auch der soziale Druck eine wichtige Rolle. Die Schweiz war im frühen 19. Jahrhundert alles andere als eine liberale und tolerante Gesellschaft. Der alte Geist der Ehe- und Zollgerichte, der Kleidermandate und der konfessionellen Exklusivität herrschte vor allem auf dem Land. Minderheiten wurden diskriminiert. Die Juden zum Beispiel brauchten eine offizielle Heiratserlaubnis, auch dort, wo sie leben durften. Meyer Guggenheim (1828-1905) wurde die Heirat verweigert, was dazu führte, dass er 1847 widerwillig aus Lengnau im Kanton Aargau auswanderte und ein riesiges Rohstoffhandelshaus in den USA gründete.

 

Scheinbar kleine Abweichungen von den sozialen Normen wurden mit Gesetzlosigkeit bestraft. So flohen viele Frauen und Männer aus ihren zerbrochenen Ehen in der Emigration. Einige nahmen den neuen Partner mit, den sie in ihrer Heimat nicht heiraten konnten. Illegitime Erziehung, Familienkrisen, Schulden oder ein Verbrechen führten oft zur Auswanderung ins Ausland. Das vielleicht berühmteste Beispiel dafür ist der Mann, der im fernen Kalifornien den falschen Titel eines Generals erlangt hat und dessen abenteuerliche Lebensgeschichte bis vor kurzem die Phantasie von Schriftstellern und Dramatikern beflügelt hat: John August Sutter (1803-1880), der mit seiner Tuchhandlung in Burgdorf bankrott ging und für den damals noch üblichen Schuldenerlass ausgegeben worden war. Neben seinen Schulden ließ er seine Frau mit fünf kleinen Kindern in Burgdorf zurück.

 

Nicht zu vergessen ist die intensive Förderung der Auswanderung durch die Behörden in Notfällen, die Reisekosten und Überbrückungshilfe leisteten und auch die Kleidung der Auswanderer finanzierten, um ihre Betreuungsaufgaben loszuwerden. Schlecht war die verlogene Auswanderungs-Propaganda der zahlreichen Landsuchenden, Förderer und Auswanderer, deren Missbrauch ziemlich spät, nämlich erst 1880, zu einem Bundesgesetz führte, das solche Agenturen der Patentpflicht und einer strengen Regulierungsaufsicht übernahm.

 

Eines der ersten Auswanderungsmotive war die religiöse Überzeugung, einerseits in Form der Glaubensmission, andererseits als gelebte Hoffnung auf echte Religionsfreiheit im Ausland.

 
 

Glarner Söldner Unternehmer

Kaspar Freuler

 

Glarner Siedlungen in Südamerika

Brasilien - Erste Kolonisten aus Glarus

 

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