Als das Gedächtnis eines Dorfes in Flammen aufging
- Patrick

- vor 5 Tagen
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Der Pfarrhausbrand von Obstalden 1834

Es war der 4. März 1834, als in Obstalden am Kerenzerberg nicht nur ein Haus brannte – sondern das Gedächtnis einer ganzen Gemeinde.
Im Pfarrhaus lagen sie, ordentlich geführt über Generationen hinweg: Tauf-, Ehe- und Totenregister. Kirchenbücher, die seit dem späten 16. Jahrhundert festhielten, wer in Kerenzen geboren wurde, wer heiratete, wer starb. Lange bevor es staatliche Zivilstandsämter gab, waren diese Bücher das offizielle Personenstandsarchiv. Bis 1875 führten im Kanton Glarus die Geistlichen diese Register; erst ab 1876 übernahm der Staat diese Aufgabe.
Als das Pfarrhaus Feuer fing, gingen sämtliche Kirchenbücher der Kirchgemeinde in Flammen auf. Der Glarner Archivar Jakob Winteler bezeichnete diesen Verlust später als „kaum je wieder gutzumachend“. Und tatsächlich: Mit einem einzigen Brand waren Jahrhunderte schriftlicher Überlieferung ausgelöscht.
Mehr als nur Papier
Kirchenbücher sind keine trockenen Verwaltungsakten. Sie sind soziale Dokumente. Zwischen den Zeilen finden sich Hinweise auf Seuchen, auf Armut, auf Herkunft, auf soziale Netzwerke eines Dorfes. Wer wen heiratete, wer zugezogen war, welche Familien über Generationen hinweg präsent blieben – all das erschließt sich aus solchen Registern.
Mit ihrem Verlust verschwanden nicht nur Namen. Es verschwanden Beziehungsgeflechte, Lebensläufe, genealogische Zusammenhänge. Noch heute wirkt diese Lücke nach: Eine zusammenhängende Genealogie für Obstalden lässt sich wegen des Brandes nicht mehr vollständig rekonstruieren.
Was gerettet werden konnte
Ganz verloren war jedoch nicht alles. Jakob Winteler weist darauf hin, dass Mühlehorn bis 1760 kirchgenössig nach Obstalden gehörte. Der erste Pfarrer der später eigenständigen Kirchgemeinde Mühlehorn hatte einst Auszüge aus den Obstaldner Büchern angefertigt. Zudem tauchte später eine Kopie des ältesten Kirchenbuches auf.
Doch diese Ersatzüberlieferung blieb fragmentarisch. Besonders für die Jahre 1700 bis 1800 entstanden gravierende Lücken. Es sind Bruchstücke – keine geschlossene Überlieferung.
Die Geschichte mit den Hühnern
Neben den archivalisch gesicherten Fakten hält sich bis heute eine Anekdote. Sie erzählt, der damalige Pfarrer Jakob Menzi habe in der Brandnacht zuerst seine Hühner gerettet – und erst danach an die Kirchenbücher gedacht. Da sei es jedoch bereits zu spät gewesen.
Ob diese Episode historisch exakt zutrifft, lässt sich nicht eindeutig belegen. Sie erscheint nicht als unmittelbarer Augenzeugenbericht, sondern als spätere Überlieferung. Doch gerade darin liegt ihre Bedeutung: Die Geschichte personalisiert den Verlust. Sie gibt dem abstrakten Archivbrand ein Gesicht – und eine moralische Pointe.
Solche Erzählungen entstehen häufig dort, wo kollektive Verlusterfahrungen verarbeitet werden. Sie erklären, was eigentlich kaum erklärbar ist: Warum das Gedächtnis eines Dorfes in Flammen aufging.
75 Jahre später: Der Versuch der Rekonstruktion
Eine besonders aufschlussreiche Quelle zur Überlieferungsgeschichte stammt aus dem Jahr 1909. Johann Jakob Kubly-Müller verfasste damals eine handschriftliche Mitteilung zur Genealogie von Kerenzen.
Er hielt fest, dass diese ursprünglich „mit dem Jahre 1594“ begonnen habe, die vorhandenen Kirchenbücher jedoch „am 4. März 1834 im Brande des Pfarrhauses in Obstalden zu Grunde gegangen“ seien. Auch die Hühner-Anekdote überlieferte er – ein Hinweis darauf, dass sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits fest im lokalen Gedächtnis verankert war.
Besonders wertvoll ist seine Beschreibung der Rekonstruktionsarbeit. Die Genealogie sei zusammengestellt worden aus einer Kopie des ältesten Kirchenbuches, Angaben älterer Dorfbewohner, einzelnen bei der Brandkatastrophe geretteten Blättern sowie späteren Familienregistern.
Hier wird sichtbar, wie aus Primärüberlieferung sekundäre Rekonstruktion wird. Aus lückenlosen Registern werden Fragmente. Aus amtlichen Einträgen werden Kombinationen aus Abschriften, Erinnerungen und Ergänzungen.
Kubly-Müllers Notiz ist deshalb weniger ein Bericht über die Brandnacht als ein Dokument der Gedächtnissicherung. Sie zeigt, wie eine Gemeinde Jahrzehnte später versucht, ihre verlorene Geschichte wieder zusammenzufügen.
Eine Lücke, die fast alle Familien von der Kirchgemeinde Kerenzen betrifft
Was den Brand von 1834 besonders einschneidend macht, ist seine Breitenwirkung. Die verlorenen Kirchenbücher betrafen nicht einzelne Linien oder isolierte Familienzweige – sie bildeten die zentrale Personenstandsüberlieferung der gesamten Kirchgemeinde Kerenzen/Obstalden. Damit trifft die entstandene Lücke genealogisch betrachtet nahezu jede Familie, die vor 1834 in der Gemeinde ansässig war. Für viele Stammbäume endet die gesicherte schriftliche Überlieferung abrupt oder wird für bestimmte Jahrzehnte unscharf und bruchstückhaft. Wo andernorts kontinuierliche Register eine nahezu lückenlose Rekonstruktion erlauben, bleibt in Kerenzen vielfach nur die Annäherung über Abschriften, Sekundärquellen und indirekte Belege. Der Brand ist somit kein individuelles Schicksal einzelner Geschlechter, sondern ein kollektiver Einschnitt in die schriftliche Erinnerung einer ganzen Region.
Der Verlust betraf praktisch alle alteingesessenen Familien der Gemeinde, darunter unter anderem Ackermann, Britt, Durscher, Dürst, Geiger (Giger), Grob, Heussi, Kamm, Kirchmeier, Küng, Menzi, Schräpfer und Zwicki.



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