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Das Internet weiss mehr als Oma und Opa: So finden Sie Ihre Vorfahren


Mit Hilfe des Internets erstellen Ahnenforscher riesige Stammbäume, die soweit zurückreichen wie nie zuvor. So hat auch der Autor mehr über die Vergangenheit seiner Familie erfahren.


Simon Maurer / Tagblatt 14.04.2021



Die Lebensgeschichte der meisten Menschen wird nur mündlich weitergegeben. Wenn das älteste Familienmitglied stirbt, verschwindet sie. Vielleicht bleiben einige besonders bewegte Biografien in Erinnerung. Aber spätestens nach drei Generationen, wenn niemand mehr die Leute persönlich gekannt hat, sind nur noch die groben Linien vorhanden.


Mein Vorfahr wanderte in die USA aus und kam zurück


Die älteste Erzählung aus meiner Familie handelt von Peter Marty aus Matt im Kanton Glarus. Mein Ahne war Bauer, er wanderte Mitte um 1850 nach Monroe (Wisconsin) in die USA aus und hatte dort sechs Kinder. Am Ende seines Lebens reiste er mit einem Sohn wieder ins Glarnerland zurück und baute dort ein Haus. Mehr ist nicht überliefert, denn zwischen mir und Peter Marty liegen fünf Generationen.


Das Familienwissen stösst schnell an seine Grenzen, selbst wenn man mit allen alten Onkeln und entfernten Grosstanten spricht. Doch im 21. Jahrhundert gibt es einen Experten, der mehr weiss als die ganze Verwandtschaft und der erzählt, auch ohne dass man zu ihm nett sein muss: Google.


Im Internet stellen Millionen Menschen aus der ganzen Welt kostenlos ihre Forschung zur Verfügung. Hobbygenealogen transkribieren Kirchenbücher und erstellen so Stammbäume, die 700 Jahre und mehr in die Vergangenheit zurückreichen. Das war bisher nur schon aus Platzgründen unmöglich: Wenn man nur 10 Generationen oder etwa 300 Jahre zurückgeht, hat jeder heute lebende Mensch 1024 direkte Vorfahren. Diese Anzahl Namen passt auf kein A4-Blatt, sehr wohl aber in die endlose Weite des Internets.


Geschichte ganzer Kanone ist online


In der Schweiz sind vor allem Familien aus kleinen Kantonen gut erforscht und ihre Stammlinien digitalisiert. Die Kantone Schaffhausen, Basel-Land und Appenzell Ausserrhoden zum Beispiel haben alle ihre Kirchenbücher gescannt und ins Internet gestellt. Jeder Interessierte kann selbst versuchen, die krakelige Schrift im Kirchenbuch seiner Heimatgemeinde zu entziffern und so seine Vorfahren aufzuspüren. In den grösseren Kantonen wie Zürich oder Aargau ist dagegen nur ein Teil der alten Unterlagen online und man muss für die kompletten Kirchenbücher das Staatsarchiv besuchen.


Wer aber Glück hat und Vorfahren in einem Kanton mit ambitionierten Ahnenforschern hat, kann ins Internet und findet dort seine ganze Familie. Einer dieser Kantone ist just der Kanton Glarus, wo Hobbyforscher Patrick Wild arbeitet. Der Glarner hat bereits 250'000 Menschen, die einst im Kanton gelebt haben, mit Hilfe von Geburtsdaten und Eheregistern identifiziert und in einen riesigen Online-Stammbaum eingefügt.


"Meine eigenen Vorfahren kann ich mittlerweile bis etwa ins Jahr 800 nachweisen, denn von da existieren Dokumente, die die Heirat von Glarnern mit den Nachkommen von Karl des Grossen belegen"


Patrick A. Wild, Jurist und Ahnenforscher


Doch lohnt sich ein Blick so weit zurück überhaupt? Die Verwandtschaftsgrade nehmen mit jeder Generation rapide ab, ein Elternteil gibt nur 50% seiner Chromosomen weiter. Genetisch gesehen hat man ab der fünften Generation weniger als ein einziges Chromosom Übereinstimmung mit seinen Ahnen. Das heisst, die Gene eines Menschen stimmen mit jenen seiner sechsten Ahnengeneration zu weniger als 1,5 Prozent überein. Die Leute haben damals also ganz anders ausgesehen und wohl noch viel unterschiedlicher gedacht. Und sechs Generationen reichen nur etwa 180 Jahre zurück.


«Bei der Ahnenforschung geht es nicht darum, möglichst viele Namen und Geburtsdaten seiner Vorfahren herauszufinden», erklärt Patrick Wild. «Ich bin auf der Suche nach spannenden Lebensgeschichten und beeindruckenden Schicksalen.»


Darum erforscht Wild nicht nur seine eigene Familiengeschichte, sondern die aller Glarner Familien. Der Forscher interessiert sich besonders für Schweizer Emigranten, auf seiner Website veröffentlicht er neben dem Riesenstammbaum historische Fakten und Geschichten von Schweizern in den USA.


Albanische Traditionen in der Urschweiz


Auch ich werde in Patrick Wilds Stammbaum fündig: Der Genealoge hat in seinem Onlinearchiv die Linie meines Ahnen Peter Marty bis zur Geburt von einem Hans Marti im Jahr 1480 aufgeführt, dem Stammvater aller Marti aus dem Kanton Glarus. Hier wird aus der reinen Namensliste tatsächlich ein Stück Kantonsgeschichte. Denn anhand von Wilds Unterlagen lässt sich nachvollziehen, wann die kleinen Ortschaften in den Glarner Bergen von welchen Familien besiedelt wurden.


Überraschende Traditionen werden ebenfalls sichtbar: Es ist bekannt, dass es in manchen albanischen Familien Tradition ist, den ersten Sohn nach dem Grossvater väterlicherseits zu taufen und den zweiten Sohn nach dem Grossvater mütterlicherseits. Erst danach wählen die Eltern jene Namen, die ihnen gefallen. Anhand von Patrick Wilds Forschung wird klar: In der Schweiz wurde dieser Brauch bis ins 19. Jahrhundert ebenfalls praktiziert.


Über Peter Marty erfahre ich noch mehr: Er hiess eigentlich Johann Peter Marty, seine Frau war Anna Kubli und insgesamt hatte er sechs Kinder – drei Söhne und drei Töchter.


Ich finde online sogar einen möglichen Grund für seine Rückreise aus den USA. Mindestens vier seiner sechs Kinder sind in Jugendjahren in Amerika gestorben, vermutlich hat er als Reaktion darauf mit seinem einzigen überlebenden Sohn die Rückreise in die Schweiz angetreten.


Viele Amerikaner suchen Schweizer Vorfahren


Die meisten Anfragen für Hilfe bei der Ahnensuche erhält Patrick Wild von Amerikanern, es sind zwei bis drei pro Woche. «In den USA ist Ahnenforschung nach Gärtnern das zweitbeliebteste Hobby», erklärt Wild. Er ist nicht erstaunt, dass sich so viele Amerikaner für ihre Herkunft interessieren, denn «vermutlich leben mehr ‹Glarner› in den USA als im Kanton Glarus.» Schliesslich sei fast ein Drittel der Glarner Bevölkerung nach der Hungerkrise von 1850 ausgewandert. Und in den USA hat es seither ein stärkeres Bevölkerungswachstum gegeben als in der Schweiz. Wilds Datenbank enthält bereits über 50'000 Amerikaner mit Glarner Wurzeln. Zum Vergleich: Der Kanton Glarus zählt heute knapp 40'000 Einwohner.


Die USA sind aber noch aus einem anderen Grund das Land der Ahnenforscher: In Amerika gibt es bis heute viele Mormonen und andere christliche Gemeinschaften, die Wiedertäufer sind und die aus religiösen Motiven Ahnenforschung betreiben. Mormonen aus Salt Lake City in Utah sammeln schon seit über 100 Jahren genealogische Dokumente und Fotos von Kirchenbüchern, mit denen sie unter anderem die Website familysearch.org betreiben. Das Archiv enthält Datensätze und Stammbäume von unglaublichen 6,4 Milliarden Menschen, darunter auch viele aus der Schweiz.


Doch kann man davon ausgehen, dass die Informationen in den InternetStammbäumen korrekt sind? Zumindest in meinem Fall sind sie das, denn nach der Internet-Recherche habe ich alte Bücherregale nach Bibeln durchsucht. Und bin fündig geworden: Ein Neues Testament mit der Inschrift «Dieses schöne neu Weih-Testament gibt Verena Bäbler (…) ihrem lieben Taufgötti Johann Peter Marty (…) zum neuen Jahr 1830.» Darin ein Foto, laut Aufdruck auf der Rückseite geschossen in South Side, Monroe, Wisconsin.




Das sind die besten Tipps für Online-Ahnenforschung:

  • Beginnen sie damit, möglichst viele Informationen aus derVerwandtschaft zusammenzutragen.

  • Unterscheiden Sie Bürgerort, Geburtsort und Wohnort. Familiendaten findet man in der Schweiz nur am Bürgerort.

  • Wenn Sie online nach Vorfahren suchen, suchen Sie zuerstihre ältesten bekannten Ahnen. Aus Persönlichkeitsschutzgründen sind Informationen, die jünger sind als 100 Jahre, häufig nicht öffentlich.

  • Für Amerika-Auswanderer: Schreiben sie der historischenGesellschaft in der Stadt, in die ihre Verwandten migriert sind. Die Gesellschaften helfen Schweizern meist sehr gern.

  • Bei Interesse: Manche Portale bieten Gentests an, mit denenVerwandte direkt gefunden werden können.


Das sind die besten Genealogie-Websites


Ahnenforschung - Tagblatt Artikel
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