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Le Havre: Der Auswanderungshafen, der die Träume der Glarner Auswanderer nach New York erfüllte

Im 19. Jahrhundert verließen zahlreiche Menschen aus dem Kanton Glarus ihre Heimat, um ein neues Leben in der Ferne aufzubauen. Ihr Ziel war der faszinierende Schmelztiegel der Kulturen, die pulsierende Metropole New York. Doch bevor sie ihre Träume in Angriff nehmen konnten, mussten sie erst einmal den Auswanderungshafen Le Havre erreichen. Dieser Ort war der Ausgangspunkt ihrer aufregenden Reise und veranschaulichte den Beginn eines neuen Kapitels in ihrem Leben.


Die Bedeutung von Le Havre als Auswanderungshafen


Hafenansicht von Le Havre um 1850

 

Le Havre, eine Hafenstadt in der Normandie an der Mündung der Seine, war im 19. Jahrhundert ein bedeutender Auswanderungshafen für europäische Emigranten, darunter auch viele Glarner. Aufgrund seiner günstigen geografischen Lage und der guten Anbindung an das europäische Eisenbahnnetz wurde Le Havre zu einem wichtigen Knotenpunkt für Auswanderer, die nach Übersee reisen wollten. Der Hafen bot eine direkte Verbindung nach New York, dem Ziel vieler Glarner Auswanderer, und ermöglichte ihnen so den Start in ein neues Leben.

 

Die Auswanderungsbewegung von Le Havre begann in den 1820er Jahren, als immer mehr Menschen aus Europa ihr Glück in der Neuen Welt suchten. Der Zustrom von Einwanderern, die hofften, in Amerika ein besseres Leben zu finden, hatte einen erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft des Hafens. Geschäfte, die sich mit dem Verkauf von Reiseausrüstung und Dienstleistungen für Auswanderer beschäftigten, blühten auf und trugen überproportional zum wirtschaftlichen Aufschwung von Le Havre bei.

 

Die eigentliche Blütezeit der Auswanderung von Le Havre nach Amerika begann jedoch in den 1840er Jahren. In dieser Zeit erlebte Europa politische und wirtschaftliche Unsicherheit, insbesondere während der Industriellen Revolution. Viele Arbeitnehmer verloren ihre Stellen, da Maschinen zunehmend manuelle Arbeitskräfte ersetzten. Naturkatastrophen, Agrarkrisen und die daraus resultierende drückende Armut in weiten Teilen Europas und auch in der Schweiz führte viele Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen, dies in der Hoffnung auf bessere Aussichten. In der Schweiz war insbesondere die ländliche Bevölkerung von der Massenauswanderung betroffen. Bis in die späten 1880er Jahre setzten sich die Auswanderungsgruppen vor allem aus Kleinbauern, Landarbeitern sowie ländlichen Gewerbetreibenden zusammen, welche in der Schweiz keine Lebensperspektive mehr sahen. Die starke Bevölkerungszunahme – zwischen 1800 bis 1830 nahm die Einwohnerzahl im Kanton Glarus um rund ein Drittel zu – verschlimmerte die Lebens- und Arbeitszustände zunehmend. Da Ortsgemeinden sich für die Armenpflege verantwortlich zeigten, unterstützten diese häufig Auswanderungswillige aktiv, indem sie beispielsweise die Reisekosten übernahmen. Randständigen legte man eine Auswanderung nahe, es kam sogar vor, dass sie von den Ortsgemeinden abgeschoben und zur Auswanderung gezwungen wurden. Die Gemeinden handelten oft aus eigenen Interessen, da sie sich durch die Auswanderung eine Entlastung der Armenkasse erhofften.

 

Statistiken über die Anzahl der Auswanderer aus Le Havre zeigen deutlich den enormen Zustrom von Menschen, die nach Amerika aufbrachen. Zwischen 1840 und 1870 wurden mehr als 500.000 Auswanderer aus Le Havre gezählt. Darunter waren auch viele Schweizer, die sich aufgrund wirtschaftlicher und politischer Probleme dazu entschieden, in die Vereinigten Staaten zu ziehen. Schätzungen zufolge machten Schweizer ungefähr 5% der Gesamtzahl der Auswanderer aus.

 

In den 1880iger Jahren wanderte eine Rekordzahl von Schweizern nach Amerika aus. In jenem Jahrzehnt hatten gegen 82'000 Schweizer ihr Hab und Gut gepackt und sich auf den Weg gemacht, um in Hafenstädten wie Hamburg und Le Havre einen Dampfer nach Amerika zu besteigen. In den 1880er-Jahren allein wanderten etwa gleich viele Schweizer in die USA aus, wie in den 70 Jahren zuvor insgesamt.

 

Zwischen 1847 und 1857 wanderte jeder zwölfte Glarner aus. Meine eigenen Forschungen haben bis heute rund 4'500 Glarner Auswanderer belegt, von denen die meisten von Le Havre nach New York auswanderten.


Die Vorbereitung für die Auswanderung



Im 19. Jahrhundert war die Auswanderung von Glarner Bürgern in die Neue Welt, insbesondere nach Amerika, ein langer und mühsamer Prozess. Das Prozedere begann damit, dass der Auswanderer seinen Entschluss, seine Heimat zu verlassen, bekanntgeben musste. Dazu musste er eine Anmeldung beim Glarner Landrat vornehmen und um eine behördliche Genehmigung bitten.

 

Nachdem die Genehmigung erteilt wurde, musste der Auswanderer eine Anzahlung für die Reise leisten. Diese wurde dazu verwendet, das Schiffsticket zu reservieren und die notwendigen Reisedokumente auszustellen. In dieser Zeit war es üblich, dass die Auswanderer von einem sogenannten Auswandereragenten unterstützt wurden, der ihnen bei der Organisation der Reise half.

 

Sobald das Schiffsticket gebucht war, musste der Auswanderer sich um die Beschaffung eines Reisepasses kümmern. Dies war oft mit einigen Schwierigkeiten verbunden, da die bürokratischen Abläufe komplex und zeitaufwendig waren. Nachdem der Reisepass ausgestellt war, konnte der Auswanderer seine Reisevorbereitungen treffen.




Die Reise von Glarus nach Le Havre

 

Für die Menschen aus dem Kanton Glarus war die Reise nach Le Havre oft mühsam und beschwerlich. Im 19. Jahrhundert gab es verschiedene Reisemöglichkeiten um aus der Schweiz in den Auswanderungshafen Le Havre zu gelangen. Die Reiseverbindungen waren zu dieser Zeit noch begrenzt und die meisten Reisenden mussten mehrere Verkehrsmittel nutzen, um ihr Ziel zu erreichen.

 

Eine Möglichkeit war die Reise per Schiff. Die Reisenden konnten zum Beispiel vom Hafen Basel mit einem Flussschiff den Rhein entlang nach Rotterdam fahren. Von dort aus bestand die Möglichkeit, mit einem Seeschiff weiter nach Le Havre zu gelangen. Diese Reisedienstleistungen wurden von Auswanderungsagenturen und Reedereien angeboten, die speziell auf die Bedürfnisse der Auswanderer zugeschnitten waren.

 

Eine weitere Möglichkeit war die Reise mit der Bahn. Die Eisenbahnstrecke, die von der Schweiz nach Le Havre führte, begann ebenfalls oft in Basel und führte über verschiedene Stationen in Frankreich. Die Reisenden mussten in der Regel mehrmals umsteigen und ihre Reise auf verschiedenen Zugverbindungen fortsetzen. In einigen Fällen konnten die Reisenden auch einen Teil der Strecke mit der Bahn zurücklegen und dann auf ein Schiff umsteigen, um ihre Reise nach Le Havre fortzusetzen.

 

Es ist wichtig zu beachten, dass die Reiseverbindungen im 19. Jahrhundert noch nicht so effizient und schnell waren wie heute. Die Reisen waren oft langwierig und mühsam. Die Reisenden mussten sich auf lange Wartezeiten und Umsteigemöglichkeiten einstellen.

 

Da viele von ihnen arm waren, konnten sie sich keine komfortable Reise leisten und mussten mit einfachen Unterkünften und mangelhafter Verpflegung zurechtkommen. Dennoch waren sie bereit, diese Entbehrungen auf sich zu nehmen, um ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben in die Realität umzusetzen.



Ankunft in Le Havre


Der Hafen von Le Havre 1841

 

Die Ankunft in Le Havre war ein prägendes Erlebnis für die Auswanderer. Der Anblick des blühenden Hafens und der imposanten Schiffe erfüllte viele mit einer Mischung aus Aufregung und Nervosität. Dort angekommen, musste die Auswanderer sich bei den Zollbehörden registrieren lassen und ihre Reisepässe vorzeigen. Zudem fanden Gesundheitschecks statt, um sicherzustellen, dass die Auswanderer keine ansteckenden Krankheiten hatten. Danach mussten wie warten, bis sie an Bord gehen konnten. In dieser Wartezeit erlebten sie oft gemischte Gefühle - einerseits die Vorfreude auf das, was kommen würde, andererseits die Melancholie des Abschiednehmens von der Heimat und den Liebsten, die sie zurücklassen mussten.

 

Sobald alle Formalitäten erledigt waren, konnten die Auswanderer das Schiff besteigen. Die Unterbringung auf dem Schiff war oft eng und unkomfortabel. Die Überfahrt dauerte in der Regel mehrere Wochen bis zu mehreren Monaten, abhängig von den Wetterbedingungen und der Route des Schiffes.



Das Leben an Bord



Sobald die Glarner Auswanderer ihr Schiff bestiegen hatten und sich von Le Havre loslösten, begann eine aufregende, aber auch anstrengende Überfahrt. Die meisten von ihnen reisten in der Zwischendecks-Passage, wo sie in engen, überfüllten Kabinen untergebracht waren. Die hygienischen Zustände waren oft schlecht, und viele erkrankten während der Überfahrt. Dennoch schafften sie es, ihre Träume und Hoffnungen aufrechtzuerhalten und sich gegenseitig zu unterstützen.



Ankunft in New York


New York Castle Garden um 1860

 

Nach einer langen und oft beschwerlichen Reise erreichten die Glarner Auswanderer schließlich ihr Ziel: New York. Der Anblick der beeindruckenden Skyline und der Freiheitsstatue erfüllte sie mit einem Gefühl von Stolz und Dankbarkeit. Hier begann ihr neues Leben, in dem sie vor Herausforderungen, aber auch unzähligen Möglichkeiten standen.

 

Sobald das Schiff am Hafen ankam, wurden die Auswanderer zur Erstuntersuchung auf Ellis Island gebracht. Hier wurden sie von medizinischem Personal und Einwanderungsbeamten begrüßt. Das Ziel dieser Untersuchung war es, sicherzustellen, dass die Einwanderer keine schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme hatten oder ansteckende Krankheiten trugen, die eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen könnten. Einwanderer, die offensichtlich krank waren oder verdächtige Symptome zeigten, wurden sofort zur weiteren Untersuchung und Behandlung in das Krankenhaus von Ellis Island geschickt. Diejenigen, die als gesund eingestuft wurden, durften weitergehen.

 

Anschließend mussten die Einwanderer ein Einwanderungsformular (das sogenannte "Declaration of Intention") ausfüllen, in dem sie persönliche Informationen zu ihrer Identität, ihrem Herkunftsland und ihrem Ziel in den USA angeben mussten. Dieses Formular diente als Grundlage für den Einwanderungsprozess und wurde von den Einwanderungsbeamten überprüft.

 

Danach folgte die zweite medizinische Untersuchung, bei der die Einwanderer auf sichtbare Krankheiten oder Behinderungen untersucht wurden. Diese Untersuchung wurde von Ärzten durchgeführt, die die Einwanderer auf Stigmata wie geistige oder körperliche Behinderungen, Augenprobleme oder Anzeichen von Tuberkulose untersuchten.

 

Wenn die Einwanderer die medizinische Untersuchung und Überprüfung ihres Einwanderungsformulars erfolgreich absolviert hatten, mussten sie den nächsten Schritt im Einwanderungsprozess durchlaufen - die Einwanderungsanhörung. Hier wurden den Einwanderern Fragen zu ihrem Hintergrund und ihren Plänen in den USA gestellt.

 

Die Einwanderungsbeamten wollten sicherstellen, dass die Einwanderer in der Lage waren, sich in den Vereinigten Staaten zu etablieren und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Es wurden Fragen zur Ausbildung, Berufserfahrung und Familiensituation gestellt. Die Einwanderer mussten auch beweisen, dass sie über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, um sich selbst zu versorgen, oder dass sie von einem bereits ansässigen Verwandten oder Sponsor unterstützt wurden.

 

Nach der Hörung erhielten die Einwanderer ihre Einwanderungsdokumente und wurden offiziell als Einwanderer in die Vereinigten Staaten zugelassen. Von dort aus konnten sie das Hafengebäude von Ellis Island verlassen und in ihre neuen Heimatorte in den Vereinigten Staaten reisen.

 

Die Auswanderer von Glarus kamen aber oft in Amerika vom Regen in die Traufe. Louis Philippe De Luze, der schweizerische Konsul in New York, schrieb in einem offenen Brief an die Kantone: «Im bedeutendsten Hafen der Vereinigten Staaten sehen wir leider allzu oft Familien, die den letzten Kreuzer für die Überfahrt ausgelegt haben und sich gleich bei ihrer Ankunft in Amerika in der grössten Verlegenheit befinden.» Und weiter: «Es gibt kein traurigeres Geschick, als weit entfernt von der Heimat, entblösst von allem, leben zu müssen.» Der Konsul forderte Kantone und Gemeinden auf, die Abschiebung armer Familien nach Amerika zu stoppen.


Die Karikatur zeigt die Betrüger und Geschäftemacher im Umfeld von Castle Garden.

 

 

Die Weiterreise nach Wisconsin

 

Eine Mehrheit der Glarner Auswanderer wählte als Ziel die von Glarner Pionieren errichtete Siedlung New Glarus in Green County in Wisconsin. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es mehrere Routen, die die Glarner Auswanderer von New York nach New Glarus, Wisconsin, nehmen konnten:

 

1. Eisenbahnroute über Chicago: Nach der Ankunft in New York reisten die Auswanderer mit dem Zug nach Chicago. Chicago war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und der Hauptverkehrsknotenpunkt im Mittleren Westen der USA. Von Chicago aus nahmen die Auswanderer entweder einen weiteren Zug nach Süden oder bestiegen Pferdekutschen.

 

2. Schifffahrt über die Großen Seen: Einige Auswanderer haben auch eine Schifffahrt über die Großen Seen genommen. Nach ihrer Ankunft in New York sind sie auf ein Dampfschiff oder einen Segelschoner gestiegen und über den Eriekanal und den Ontariosee nach Chicago oder Milwaukee gereist. Von dort aus sind sie dann mit der Bahn oder mit dem Pferdewagen weiter nach New Glarus gereist.

 

3. Straßenroute über Land: Einige Auswanderer haben sich auch entschieden, über Land nach New Glarus zu reisen. Nach ihrer Ankunft in New York haben sie eine Strecke mit einer Kombination aus Pferdewagen, Kutschen und zu Fuß zurücklegen. Die genaue Route hatte von verschiedenen Faktoren abgehängt, wie dem Wetter, den Straßenverhältnissen und den persönlichen Vorlieben der Auswanderer.

 

Einige Auswanderer haben auch Zwischenstopps in anderen Städten gemacht, bevor sie schließlich in New Glarus ankamen oder haben sich auch auf dem Weg dorthin anders entschieden und das Reiseziel kurzfristig geändert. Der Weg von New York nach New Glarus war eine weite Reise, die oft mehrere Wochen in Anspruch.

 

 

Erinnerungen und Denkmäler

 

Heute erinnern verschiedene Denkmäler und Gedenkstätten in Le Havre an die Zeit, als der Hafen eine zentrale Rolle im Leben von Auswanderern spielte. Historische Archive und Museen dokumentieren die Geschichten und Erfahrungen derjenigen, die hier ihre Reise in die USA begannen. Der Hafen bleibt somit nicht nur ein wichtiger Knotenpunkt in der Seefahrtsgeschichte, sondern auch ein Symbol für den Mut und die Entschlossenheit derjenigen, die sich auf den Weg machten, um ihre Träume in der Neuen Welt zu verwirklichen.

 

 

Fazit

 

Der Auswanderungshafen Le Havre spielte eine bedeutende Rolle für die Glarner Auswanderer, die ihr Glück in New York suchten. Er war der Ort, an dem ihre Reise begann und ihre Träume Wirklichkeit wurden. Die Entbehrungen und Mühen, die sie auf dem Weg nach Le Havre und während der Überfahrt erlebten, waren der Preis, den sie zahlten, um ein neues Leben aufzubauen. Ihre Geschichte ist ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes des Kanton Glarus und erinnert uns daran, dass der Mut, neue Wege zu gehen, unsere Träume verwirklichen kann. Le Havre wird immer ein Symbol der Hoffnung und des Aufbruchs bleiben, welches die Glarner Auswanderer mit ihren Geschichten und Erinnerungen verbindet.

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